"Grenzenlos feiern" - Festveranstaltung 30 Jahre Grenzöffnung Motzlar-Günthers

Am 8. Dezember 1989 öffnete sich nach langanhaltenden Protesten auch der Grenzübergang zwischen Motzlar und Günthers. Dass die Ereignisse der Grenzöffnung die Menschen auch heute noch sehr bewegen, bewies das riesengroße Interesse an der dazu am Wochenende in Motzlar stattfindenden Festveranstaltung mit Themenabend „Wir an der Grenze“, ökumenischem Gottesdienst an der Grenze, musikalischen Festzug, Dorfführung, Film- und Fotovorführungen und bunten Festprogramm.

Länderübergreifend und grenzenlos gefeiert

Am Samstagabend hatten die Gemeinde Schleid und die Stadt Tann in den Dorfsaal nach Motzlar zum Abend „Wir an der Grenze“ eingeladen. Über 400 Menschen kamen und viele mussten wieder aufgrund von Platzmangel nach Hause gehen. Auch vor 30 Jahren hatten die Gaststätten in Motzlar aufgrund des großen Menschenandrangs die Türen aushängen müssen, damit jeder einen Platz fand. Bürgermeisterin Manuela Henkel die den Abend gemeinsam mit Tanns Bürgermeister Mario Dänner moderierte, kündigte spontan eine weitere Veranstaltung zu diesem Thema in Zusammenarbeit mit dem Fotozirkel vom Förderverein aus Geisa an. Diese soll am 15. November um 19 Uhr im Dorfsaal in Motzlar durchgeführt werden und nochmals neue Aspekte und Geschichten der Grenzöffnung aufzeigen.

Unter den zahlreichen Gästen des Abends konnten die beiden Moderatoren unter anderem Dechant Markus Blümel, den Zweiten Beigeordneten des Wartburgkreises Martin Rosenstengel, die Bürgermeister von Geisa und Gerstengrund Martin Henkel und Antonius Schütz, von der Point Alpha Stiftung Berthold Jost sowie zahlreiche Ortsteilbürgermeister, Ortsvorsteher, Gemeinderäte und Ortsbeiräte begrüßen. Vom Europäischen Parlament befand sich Alexander von Lingen unter den Besuchern. Er hatte an der Wiedervereinigung mitgearbeitet und war im März 1990 als Wahlbeobachter nach Thüringen entsandt worden.

"Wind of chance"

Mit dem Titel von den Scorpions „Wind of chance“ sorgte gleich zu Beginn die Kohlbachtaler Kinderschola für Gänsehaut. „Der Wind der Veränderung blies auch uns vor 30 Jahren ins Gesicht, als sich am 8. Dezember 1989 die Grenze zwischen Motzlar und Günthers öffnete“, sagte Manuela Henkel. Diese Grenze prägt die Menschen im ehemaligen Sperrgebiet bis heute. „Für uns war sie genauso unbegreiflich, aber auch Alltag“, sagte Tanns Bürgermeister Mario Dänner.

Rollenspiel zur Zwangsevakuierung

Im Rollenspiel von Cornelius Treis aus Kranlucken, Benjamin Bernhardt aus Ketten und Elias Brehl aus Walkes zur Zwangsevakuierung des Seeleshofes bei Spahl wurde dann deutlich, wie Menschen wegen dieser Grenze Haus und Hof verloren und zu Vertriebenen und Heimatlosen wurden. Ebenso machte dies die nachfolgende Filmdokumentation von Peter Grimm über die Zwangskollektivierung im Geisaer Amt und die damit zusammenhängende Ausweisung der Familie Fink aus Kranlucken klar.

Spannende Podiumsdiskussion

Peter Grimm übernahm im Anschluss die Moderation der Podiumsdiskussion, bei der Menschen aus Ost und West über ihre Grenzgeschichten und -erfahrungen berichteten. Darunter Domkapitular Bruno Heller gebürtig vom geschleiften Seeleshof sowie die Präsidentin des Bundes der Zwangsausgesiedelten Marie-Luise Tröbs und Stefan Jakobi aus Motzlar, deren Familien einst zwangsevakuiert wurden. Der heutige Ortsvorsteher von Günthers und damalige Bundesgrenzschutzbeamte Thomas Wehner berichtete wie er an der Grenze bei Motzlar einst patroullierte und mit dem Fernglas immer an der Kirchenuhr in Motzlar die Zeit verglich. „Die Uhren gingen zwar gleich, aber doch irgendwie ganz anders“, so Wehner. Der ehemalige Tanner Bürgermeister Dieter Herchenhan erzählte dann, wie er mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Rates des Kreises Werner Bergmann die Öffnung des Grenzüberganges ausgehandelt und während eines Hubschrauberfluges mit dem damaligen hessischen Wirtschaftsminister den Ausbau des Überganges besprochen habe. Auch Heimatforscher Bruno Leister und der ehemalige Chefredakteur und Begründer der Mahn- und Gedenkstätte Point Alpha, Berhold Dücker, kamen zu Wort: Dücker brachte es dabei auf den Punkt: „Ich appelliere an alle, sich dieses unglaublichen Geschenkes der Grenzöffnung, der neugewonnenen Freiheit und der damit verbunden Wiedervereinigung immer wieder bewusst zu werden. „Freiheit und Demokratie müssen auch in Zukunft geschützt und bewahrt werden“, so Dücker. Welch teilweise verrückten Geschichten bei der Grenzöffnung passierten, machte die Erzählung von Bürgermeisterin Manuela Henkel deutlich. Auf einer Fotocollage mit Bildern der Grenzöffnung wies sie auf einen schwarzen Mercedes Benz mit Kennzeichen BO für Bochum hin. Sie erzählte, dass dieses Auto damals dem heutigen Ehrenbürger der Stadt Geisa Werner Deschauer gehört habe. Dieser war einst aus Geisa geflüchtet und in den frühen Morgenstunden der Grenzöffnung in Günthers angekommen. Als jedoch die Zuständigen vor Ort den großen schwarzen Mercedes Benz mit Kennzeichen BO sahen, dachten sie es könne sich hier nur um eine hohe Delegation der Bundesregierung aus Bonn handeln. Sie salutierten und begleiteten das Fahrzeug mit Eskorte zum Übergang, so dass Werner Deschauer als einziger mit Fahrzeug und ohne Passierschein die Grenze überqueren konnte.

Ökumenischer Gottesdienst und Festzug

Am Sonntag der Festveranstaltung kamen etwa 450 Menschen zum einstigen Grenzübergang Motzlar-Günthers um gemeinsam mit Tanns Pfarrerin Heike Dietrich und Domkapitular Bruno Heller einen ökumenischen Gottesdienst zu feiern. „Genauso wie die Wiedervereinigung unseres Volkes möglich war, sollte nun endlich auch die Wiedervereinigung im Glauben möglich sein“, rief Bruno Heller in seiner Festpredigt auf. Nach Grußworten vom Kreisbeigeordneten des Landkreises Fulda Hermann Müller und Bundestagsabgeordneten Michael Brand (CDU) startete der große musikalische Festzug mit dem Musikcorp Tann und den Motzlarer Blasmusikanten Richtung Motzlar in Erinnerung an den einstigen Festzug vor 30 Jahren. Nach einem gemeinsamen Mittagessen im neuen Vereinshaus, gab es Foto- und Filmaufnahmen der Grenzöffnung, eine Dorfführung mit Heimatforscher Bruno Leister, musikalische Unterhaltung mit den beiden Musikkapellen und hessisch-thüringische Tanzaufführungen. Der Erlös des gesamten Festes ist für die Neuanlage eines Spielplatzes in Motzlar bestimmt.